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MYTHOS WAGNER

Richard Wagner im Spiegel der deutschen Gegenwartskunst − Anselm Kiefer, Markus Lüpertz, Henning von Gierke, Jonathan Meese und Thorsten Brinkmann

21. April – 7. Juli 2013

Klinger Villa, Karl-Heine-Str. 2, 04229 Leipzig

ÖFFNUNGSZEITEN
FR 14 – 18 Uhr, SA/SO 10 – 18 Uhr
sowie am 1., 9. und 16. – 26. Mai 2013

Der Eintritt ist frei, Führungen auf Anfrage.

Anselm Kiefer, Brunhilde Grane, 1993, Acrylic and shellac on woodcut on paper, 272 x 244 cm, Courtesy Lia Rumma Collection Abb. rechts: Jonathan Meese „KEIN DRECKSKONSENS“, 2011, Öl und Acryl auf Leinwand, 100,4 x 80,1 x 2,6 cm, Photography Jan Bauer . net, Courtesy Jonathan Meese . com

Am 21. April 2013 eröffnet die Ausstellung MYTHOS WAGNER in der Klinger Villa Leipzig. Die bis zum 7. Juli 2013 laufende Ausstellung widmet sich anlässlich des 200. Geburtstages von Richard Wagner, der in Leipzig geboren wurde und dort seine ihn prägenden und formenden Ausbildungsjahre verbrachte, der Rezeption von Wagners Schaffen in der deutschen Gegenwartskunst. Sie präsentiert Werke der international bekannten und renommierten deutschen Künstler Markus Lüpertz, Anselm Kiefer, Henning von Gierke, Jonathan Meese und Thorsten Brinkmann, die das kontinuierliche Interesse deutscher Künstler an Richard Wagners Schaffen als wichtigem Bestandteil ihres kulturellen, historischen und politischen Erbes veranschaulichen. Dabei macht die Ausstellung deutlich, dass sich innerhalb der künstlerischen Auseinandersetzung mit Wagners Werk zwei Tendenzen abzeichnen. Während Anselm Kiefer, Markus Lüpertz und Henning von Gierke in ihren jüngeren Arbeiten die Aktualität der Wagnerschen Werke thematisieren, bezeugen die Werke der Vertreter der jüngeren Künstlergeneration einen spielerisch-distanzierten bzw. radikal-überzeichnenden Umgang mit dem Mythos Wagner, der eine lustvolle Begeisterung für den Komponisten und sein Werk zum Ausdruck bringt.

Markus Lüpertz, Parsifal, 1994, Linolschnitt, 50 x 35,2 cm
Markus Lüpertz und Anselm Kiefer gehören neben Joseph Beuys zu den ersten Künstlern, die sich nach dem Krieg mit Tabuthemen und Mythen der deutschen Geschichte und Kultur befassten. Markus Lüpertz’ in der Ausstellung präsentierte mehrfarbige Linolschnitte aus seiner Werkreihe „Männer ohne Frauen – Parsifal“, die zwischen 1993 und 1997 entstanden ist, stellen den durch Keuschheit zur Erlösung findenden Parsifal, die Hauptfigur aus Wagners gleichnamigem Musikdrama, als stark abstrahierten, androgyn und leidend wirkenden Männerkopf in vielfachen Varianten dar. Durch die Verbindung dieses Motivs mit dem Titel „Männer ohne Frauen – Parsifal“ schlägt Lüpertz einen Bogen zwischen der deutschen Kultur des 19. Jahrhunderts und der deutschen Gegenwart: Es bringt die Wagnersche Figur Parsifal mit der aktuellen Situation der Gesellschaft im Deutschland der 1990er Jahre in Zusammenhang, als sich die sozialen Konventionen von Ehe und Familie und damit die auf Dauer angelegte, rechtlich autorisierte Verbindung von Männern und Frauen langsam aufzulösen schien. Die aus dieser Situation resultierende Verunsicherung von Männlichkeit – Männer ohne Frauen – interpretiert Lüpertz mit dem Hinweis auf Parsifal und der Verwendung  einer seriellen Werkreihe; sie stellt die Konsequenz dieser Keuschheit, den leidenden Mann, im Rückgriff auf das Motiv des frontalen Männerkopfes dar, der in der Kunstgeschichte häufig trauernd, leidend oder weinend aufgefasst wurde und sich in Lüpertz’ Werkreihe als grafisch reduzierte Form in seiner Umgebung aufzulösen scheint.

Auch Anselm Kiefer hat sich wie Markus Lüpertz seit den 1960er Jahren mit der deutschen Geschichte und ihren Mythen auseinander gesetzt. Seine großformatige Arbeit mit dem Titel „Brünhilde Grane“(1993) zeigt eine Profilansicht von Brünhildes Pferd Grane, das als Skelett in einem brennenden Scheiterhaufen steht. Dieses Motiv bezieht sich auf das Ende von Wagners Götterdämmerung, als Brünhilde in Trauer um ihren toten Geliebten einen Scheiterhaufen errichten lässt, in dessen Flammen Siegfrieds Leiche, sie selbst in einer Geste der Selbstopferung und ihr Pferd Grane verbrannt werden sollen. Die Bildform eines T-förmigen Grabsteins, die urzeitliche verbrannte Erde, das starre Skelett des Pferdes sowie die Holzmaserung des Stiches, der mit Acryl und Schellack in schwarz-weiß auf Papier gedruckt eine erregende visuelle Textur kreiert, tragen zu dem Gefühl des epischen Dramas bei. Die Darstellungsmittel verewigen die Todesszene zu einem Monument, das im Kieferschen Bilderkosmos immer auch als kollektives Erinnerungszeichen verstanden werden muss. Vor dem Hintergrund seiner künstlerischen Aufarbeitung der deutschen Geschichte spielt das Bild der Auslöschung der beiden wichtigsten Figuren der Nibelungen-Sage und das Überleben von Brünhildes Pferd Grane als Liebespfand für den Helden Siegfried mit der Vorstellung der Erneuerung nationaler Identität durch ewige Liebe, die 1993, als Kiefer das Motiv malt, eine hoffnungsvolle Interpretation der aktuellen Situation der Wiedervereinigung Deutschlands darstellt. 

Henning von Gierke, Fundstätte „Lohengrin“ aus der Installation „Fundstätten, Archäologie“, 2006, Lehm, Holz, Fundstücke, Farbe 500 x 500 x 260 cm

Henning von Gierkes Rauminstallation „Fundstellen Archäologie“ (2006) präsentiert eine dreidimensionale archäologische Ausgrabungsstätte, welche die musikalischen Motive Wagners gewissermaßen aus der Tiefe der mythengetränkten deutschen Erde zu Tage fördert. In einem Boden aus quadratischen Kistenmodulen entstehen durch das Weglassen einiger Kisten vier Vertiefungen, die unterschiedlichste Fundstücke – künstlerische Umsetzungen von musikalischen, meist abstrakten Motiven aus Wagners Opern Lohengrin, Der fliegende Holländer, Parzival und Ring des Nibelungen (Rheingold, Walküre, Siegfried und Götterdämmerung) – enthalten. So sind zum Beispiel in der Fundstelle „Lohengrin“ Teile von Ritterrüstungen, Schwerter und Vogelfedern zu sehen, die auf die Motive der Ehrverletzung, der Schuld und den Zauber hinweisen. Die Ausgrabungsstellen sind mit von unten beleuchteten Stegen verbunden, über die der Besucher gehen kann, um die einzelnen Fundstücke genauer zu betrachten. Dabei wird der Betrachter eingeladen, zum archäologischen Entdecker der Bedeutung der Fundstücke zu werden, die der Künstler als Leitmotive im Wagnerschen Sinne inszeniert. Denn wie in Wagners Musikdramen gewährleisten sie nicht nur den erzählerischen Zusammenhang der Ausgrabungsstätte, sondern laden sich durch ihre Wiederholung in den verschiedenen Fundstellen nach und nach mit Bedeutung auf: Die Fundstücke lassen erkennen, dass ihre Inhalte – Schuld, Sehnsucht, Erlösung etc. – überzeitliche Gültigkeit haben und damit auch für den gegenwärtigen Besucher von aktueller Relevanz sind.

Jonathan Meese, „KEIN MICKRIG DURCHDEMOKRATISIERTER SPEICHELLECKER, NIEMALS“, 2011, Öl, Acryl und Mixed Media auf Leinwand 100,4 x 80,2 x 2,6 cm, Photography Jan Bauer . net, Courtesy Jonathan Meese . com

Jonathan Meese befasst sich im Unterschied zu Lüpertz, Kiefer und von Gierke auch mit der Figur Richard Wagner selbst. Meese bedient sich häufig realer Figuren aus der Geschichte und fiktiver Romanfiguren, die aufgrund ihrer Radikalität, Grausamkeit, extremen Charaktereigenschaften oder Leistungen zu Ruhm gelangt sind. Dabei nimmt er diesen häufig dämonisierten oder tabuisierten Figuren ihren Schrecken, indem er sie zu Archetypen stilisiert, die etwas Allgemeingültiges verkörpern. So malt er in der Porträtserie von Richard Wagner von 2011, die in der Ausstellung zu sehen ist, auch Wagners Porträt in einer sehr stilisierten Art und in Serie. Wagners hervorstechendste Gesichtszüge werden zu vereinfachten grafischen Formen, die das Konterfei des Komponisten in abstrahierender und reduzierender  Weise zu einem Bild mit hohem Wiedererkennungswert machen. Mit dem Halbprofil wird aus Wagner die überhöhte Form eines Herrschers, die Hinzufügung von Worten ähnelt wie die Stilisierung seines Gesichts der Darstellungsweise von Personen in Comics oder auf Plakaten, und die Worte selbst – radikal, Erz, Heil Kunst Heil und Lohenmeese – stammen aus Meeses Sprachkosmos und dienen als Begriffe des Radikalen, Verallgemeinernden und Ultimativen dazu, Wagners Darstellung als absoluten Herrscher noch zusätzlich zu betonen. Mit dieser Verbindung aus Elementen eines klassischen Herrscherporträts und aus Medien der Popkultur macht Meese Wagner zur PopIkone, wodurch dessen Image in die Alltagswirklichkeit des 21. Jahrhunderts integriert wird und dadurch Aktualität sowie Kontinuität beschwört.

Thorsten Brinkmann, Siggi di Star, 2013, C-Print, 199 x 110 cm © T. Brinkmann, VG Bildkunst 2013, Bonn Courtesy Feldbuschwiesner Galerie. Berlin

Thorsten Brinkmanns Arbeiten, die in der Ausstellung zu sehen sind, setzen sich in spielerisch-ironischer Distanz mit den nordischen Sagengestalten aus Wagners Figurenkosmos auseinander. Zur Gestaltung der mythischen Figuren greift Brinkmann auf eine stetig wachsende Sammlung von Fundstücken zurück, die alle Arten ausrangierter Second-hand-Artikel, Überbleibsel bürgerlicher Wohnkultur und Sperrmüll umfassen und die er im Rahmen von performativen Selbstinszenierungen collagenhaft zusammensetzt und fotografiert. Dabei konterkarieren seine Selbstporträts als Walküren, Siegfried, Drache oder Alberich der Zwerg die kunsthistorische Gattung des Selbstporträts: Zwar bekleidet er den Körper annähernd der historischen Herkunft der Figur entsprechend und spielt dabei mit dem kollektiven Bildgedächtnis, indem er sich altmeisterlicher Kompositionen des 16. und 17. Jahrhunderts bedient. Doch das signifikante Merkmal des Porträts, das Gesicht, fehlt und wird durch Dinge wie zerbeulte Eimer, Tüten oder Stoffstücke ersetzt. Die Ersetzung der Physiognomie durch Dinge macht das Gesicht zur Maske, die einerseits befremdlich und bedrohlich wirkt, andererseits aber auch skurril und absurd. So unterstreicht die Maskierung der Wagnerschen Figuren, die in dessen Musikdramen wild, voller magischer Kräfte und übermenschlich stark sind, einerseits das Fremdartige und Bedrohliche ihres Wesens; andererseits aber bricht ihre surreal und dadaistisch anmutende Verkleidung den Zauber ihrer mythischen Aura und verleiht der Bedeutungsschwere der Wagnerschen Mythenwelt eine angenehm humoristische Leichtigkeit.

 

© Dr. Margit im Schlaa, Kuratorin Klinger Forum Leipzig

Vernissage